Der Meister der literarischen Mimikri
Zum siebzigsten Geburtstag von Philip Roth
von Manuel Gogos
Portnoys Beschwerden war der geniale Wurf, der Philip Roth Ende der 60er Jahre zum Jungstar der amerikanischen und insbesondere der New Yorker Literaturszene machte. Der Bestseller über die jüdische Familie als Zuchtstätte des Neurotikers par excellence paßte mit seinen "dirty words" und "dirty scenes" wie die Faust aufs Auge der geschärften sexuellen Sensibilität des Publikums. Dabei wurde der Text in einer Art primitiver Genugtuung als Autobiographie gelesen, Roth verschmolz in der erregten Phantasie seiner Leserschaft mit seinem Helden: einem Juden, der mit einem Stück Leber masturbiert. Roth war anathema. Insbesondere für die jüdische Gemeinschaft in den Vereinigten Staaten wurde Roth zu einer Art Schibboleth, an ihm schieden sich die Geister. Gershom Scholem verriß das Buch leidenschaftlich und prophezeite, die Juden würden für Roths "jüdischen Antisemitismus" bezahlen müssen. Statt dessen ist das Buch kanonisch geworden.
Auf Portnoy folgte der nicht minder berühmte Zuckerman-Zyklus, der den jüdischen Schriftsteller Nathan Zuckerman auf den Stadien des Lebensweges begleitet. Er macht seinen Weg vom jugendlichen Kunst-Adepten in Der Ghost Writer (1979) bis hin zum gemachten Schriftsteller mit Schreibblockaden in Die Anatomiestunde (1983). Im Mittelteil des Triptychons, Zuckermans Befreiung (1981), kommt Roth auf das bereits aus Portnoy bekannte Motiv des Familienromans zurück: es ist so notwendig wie unmöglich, aus der Familie – respektive dem Judentum – auszutreten. Mit dem Nachschlag Gegenleben (1986), in dem sich Nathan Zuckerman an seinem Bruder Henry abarbeitet, erreicht Roth einen weiteren Höhepunkt seines literarischen Schaffens. Nirgendwo sonst hat Roth seinen literarischen Perspektivismus so rigoros umgesetzt. Die Figuren erscheinen hier, Dostojewskij ähnlich, als Inkarnationen verschiedener Weltanschauungen, die aufeinander losgelassen werden. Der ganze Inhalt des Daseins schreit im Widerspruch gegen sich selbst.
Ende der Achtziger Jahre gerät Roth in eine psychische Krise. Für ein Jahrzehnt verfolgt der Meister der Fiktionsironie das Projekt, sich aus dem Gespinst des Imaginären zu den blanken Knochen des Tatsächlichen zurückschreiben. Er beginnt, autobiographische Texte zu verfassen. Spätestens in Mein Leben als Sohn (1991) gewinnt er dabei eine existentielle Dichte, die abgründig ist. Auf dem Todesmarsch des Vaters, vom Sohn flankiert, wird die Rhapsodie des Lebens gesungen.
In der Amerikanischen Trilogie der Neunziger verläßt Roth vollends die satirische Brillanz seiner frühen Karikaturen. In einem beispiellosen Produktivitätsschub wirft er tausend Seiten Literatur aufs Papier und überbietet sich selbst. Dem Aufruhr des Autobiographischen entrückt, stellt Roth sich nun dem Kampf mit dem Tod. In dieser "höheren Leidenschaft" ist aus seiner Ironie all das verschwunden, was als "menschenverachtend" mißdeutet werden konnte. Die Bewunderung für die menschliche Spezies hat die Oberhand gewonnen. Am Ende wird man in die Knie gezwungen.
In Amerikanisches Idyll, für das Roth 1998 der Pulitzer-Preis verliehen wurde, fragt er als Chronist und Stadtschreiber Newarks in die Wurzel des jüdisch-amerikanischen Lebens hinein und verbeugt sich tief vor dessen Anfängen. Der alternde Nathan nimmt sich zurück, um nunmehr die Großtaten seiner Einwanderer-Großeltern und Eltern zu bezeugen. Diese Arbeiter, die in Brauereien und Gerbereien die Vorarbeit und nicht selten die Drecksarbeit für alle folgenden Generationen erledigten, die ihr Leben so anonym wie rückhaltlos in den amerikanischen Traum investierten, sie erscheinen Zuckerman nun viel eher als Helden geeignet. Dasselbe gilt auch Mein Mann, der Kommunist (1998) und Der menschliche Makel (2000): Nathan wird zum Zuhörer derer, die in ihren gebrochenen Biographien und Lebenslügen die Geschichte der zweiten Hälfe des Zwanzigsten Jahrhunderts spiegeln: die McCarthy-Ära, die Zeit des Vietnamkriegs, der Levinski-Affäre. Und paradoxerweise ist dieses frei schwebende Bewußtsein, dieser weniger in Erscheinung tretende Zuckerman wesentlich präsenter im Text, als er es früher hatte sein können.
Man kann nicht über Juden reden ohne Roth. Die Lektüre seiner Bücher vermochte den versprengten jüdischen Individuen am Ende des Zwanzigsten Jahrhunderts einen kleinsten gemeinsamen Nenner zu geben. Aber es wäre irreführend, Roths literarische Bedeutung als eine interne Angelegenheit des Judentums zu behandeln. Spätestens die Amerikanische Trilogie sucht hinter dem jüdisch-amerikanischen Schicksal gebieterisch das Universelle. Ohne Zweifel gehört Roth zu den wichtigsten zeitgenössischen Prosaisten überhaupt. Seine Kunst besteht darin, Kraft der Fiktion in die andere Haut zu schlüpfen. Was in diesen Romanen als die Macht der Literatur par excellence vorgeführt wird, ist die Sprengung einer egozentrischen Individualität, Mimikry als die rigorose Einnahme der Perspektive des ‚fremden Selbst’, zugleich seine irritierendste und fesselndste Leistung. Jede seiner Neuveröffentlichungen, wie jetzt gerade Das sterbende Tier, wird auch im europäischen Feuilleton als literarisches Großereignis gefeiert. Philip Roth ist als Autor ein Allmächtiger, der die Lebensfäden seiner Figuren souverän in der Hand hält und das Schicksalsrad dreht. Aber er ist zugleich die Figur, die Puppe, die an den Fäden eines größeren Puppenspielers hängt. Hin und her geworfen zwischen dem Gefühl der Omnipotenz der Fiktion, sich selbst immer wieder neu erschaffen zu können, – und der Ohnmacht des Lebens, sich und sein Sterben doch selbst niemals in der Hand zu haben. Roth hat die Einbildungskraft unzähliger Leser beflügelt. Die Wahrheit sieht schlichter aus: ein Mann bei der Arbeit, gefesselt an einen Schreibtisch. Er hat sein Leben dem Schreiben gewidmet, und gewissermaßen auch geopfert. Roth wird siebzig, und er ringt um Unsterblichkeit. Seit Jahren bringt man ihn allenthalben als möglichen Anwärter auf den Nobelpreis ins Spiel. Es ist nicht ganz zu begreifen, worauf die Akademie noch wartet.
© Manuel Gogos. Erschienen am 19. März 2003 in der NZZ.
Philip Roth: Portnoys Beschwerden
Er ist Anwalt, 33 und hat nur eines im Kopf: Sex. Ob Alexander Portnoy in der Öffentlichkeit onaniert, es mit einem Stück Leber treibt oder seine Freundin zu einem Dreier nötigt - stets ist er hin- und hergerissen zwischen Begierden, die mit seinem Gewissen unvereinbar sind, und einem Gewissen, das mit seinen Begierden unvereinbar ist.


