Gespräche mit Kollegen
Auszüge aus "Shop Talk"
Aus dem Amerikanischen von Bernhard Robben.
Auszug aus einem Gespräch mit Ivan Klima 1989 in Prag
Roth: Kafka. Während im letzten November der aus der Partei ausgeschlossene Exsträfling Havel in Prag Reden vor jenen Massendemonstrationen hielt, die eine neue Tschechoslowakei herbeiführten, hielt ich in New York City ein Seminar über Kafka ab. Die Studenten lasen im Schloß über K.s ermüdenden und vergeblichen Kampf, von der mächtigen und unerreichbaren Schlafmütze Herrn Klamm, dem die Bürokratie des Schlosses untersteht, als Landvermesser anerkannt zu werden. Als in der New York Times ein Foto erschien, das Havel zeigte, wie er über einen Konferenztisch hinweg dem Ministerpräsidenten des alten Regimes die Hand schüttelte, zeigte ich es meiner Klasse. "Tja", sagte ich, "endlich trifft K. auf Herrn Klamm." Die Studenten fanden es gut, daß Havel beschloß, für die Präsidentschaft zu kandidieren – denn so würde K. ins Schloß kommen und auch noch der Nachfolger von Klamms Vorgesetzten werden.
Kafkas prophetische Ironie mag nicht das bedeutsamste Merkmal seines Werkes sein, doch verblüfft sie immer wieder. Kafka ist alles andere als ein Phantast, der eine traumhafte oder alptraumhafte Welt schafft, die im Gegensatz zur realen Welt steht. Seine Romane und Erzählungen beharren vielmehr darauf, daß ebendiese scheinbar so unvorstellbaren Halluzinationen und hoffnungslosen Paradoxien unsere Wirklichkeit ausmachen. In Werken wie der Verwandlung, im Prozeß oder im Schloß zeichnet er die Entwicklung eines Menschen nach, der – im Falle des angeklagten Josef K. allerdings zu spät – begreifen lernt, daß das anscheinend so Merkwürdige, Lachhafte und Unglaubliche, das sich doch so offenkundig unter seiner Würde und außerhalb seiner Anteilnahme befindet, genau das ist, was ihm widerfährt: Was unter seiner Würde ist, erweist sich als sein Schicksal.
"Es war kein Traum", schreibt Kafka, nachdem Gregor Samsa nur Augenblicke zuvor aufgewacht war, um festzustellen, daß er sich aus dem braven, die Familie versorgenden Sohn in ein widerliches Insekt verwandelt hatte. Der Traum ist für Kafka eine Welt von Möglichkeit und Proportion, Stabilität und Ordnung, Ursache und Wirkung – eine verläßliche Welt voll Würde und Gerechtigkeit erscheint ihm auf absurde Weise phantastisch. Wie hätte Kafka doch die Entrüstung jener Träumer amüsiert, die uns tagtäglich sagen: "Ich bin doch nicht gekommen, um mich beleidigen zu lassen!" In Kafkas Welt – und nicht bloß in Kafkas Welt – erhält das Leben erst seinen Sinn, wenn wir begreifen, daß wir genau deshalb auf Erden sind.
Ich hätte gern gewußt, welche Rolle Kafka für dich in jenen Jahren gespielt hat, in denen du auf Erden warst, um dich beleidigen zu lassen. Das kommunistische Regime hatte ihn in seiner eigenen Heimatstadt ebenso wie in der gesamten Tschechoslowakei aus Buchläden, Bibliotheken und Universitäten verbannt. Warum? Woher die Angst? Die Wut? Was hat er dir und deinen Kollegen bedeutet, die ihr sein Werk gut kennt und euch wohl durch eure Herkunft mit ihm eng verwandt fühlt?
Klíma: Wie du habe ich Kafkas Werk studiert – erst vor kurzem habe ich einen ausführlichen Essay über ihn sowie ein Theaterstück über seine Liebesbeziehung zu Felice Bauer geschrieben. Ich würde seinen Konflikt zwischen Traumwelt und wirklicher Welt ein wenig anders beschreiben. Du sagst: "Der Traum ist für Kafka eine Welt von Möglichkeit und Proportion, Stabilität und Ordnung, Ursache und Wirkung – eine verläßliche Welt voll Würde und Gerechtigkeit erscheint ihm auf absurde Weise phantastisch." Ich würde das Wort phantastisch durch das Wort unerreichbar ersetzen. Was du die Traumwelt nennst, war für Kafka die wirkliche Welt, die Welt, in der Ordnung herrschte, in der die Menschen – jedenfalls in seinen Augen – einander gern haben, sich lieben, Familien gründen und ihren geregelten Pflichten nachgehen konnten – doch durch seine fast krankhafte Wahrhaftigkeit blieb diese Welt für ihn unerreichbar. Seine Helden mußten nicht leiden, weil sie ihre Träume nicht verwirklichen konnten, sondern weil sie nicht stark genug waren, um gänzlich in der wahren Welt zu sein und ihre Pflichten korrekt zu erfüllen.
Die Frage, warum Kafka vom kommunistischen Regime verboten wurde, wird durch einen einzigen Satz meines Helden in Liebe und Müll beantwortet: "Das Anstößigste an Kafkas Persönlichkeit ist seine Redlichkeit." Ein Regime, das auf Betrug basiert, darauf, daß die Menschen so tun als ob, das als Zustimmung Lippenbekenntnisse fordert, ohne sich um die innere Überzeugung jener zu kümmern, deren Zustimmung es verlangt, ein Regime, das Angst vor jedem hat, der den Sinn seines Vorgehens hinterfragt, kann nicht zulassen, daß jemand, dessen Aufrichtigkeit einen derart faszinierenden, gar erschreckenden Grad an Vollkommenheit erlangt hat, zu den Menschen redet.
Wenn du fragst, was Kafka mir bedeutet, kehren wir zu der Frage zurück, die wir irgendwie ständig umkreisen. Alles in allem war Kafka ein unpolitischer Schriftsteller. Laß mich nur den Eintrag in seinem Tagebuch vom 21. August 1914 zitieren. Er ist sehr kurz. "Deutschland hat Rußland den Krieg erklärt. War nachmittags schwimmen." Das Historische, die Welt Erschütternde liegt hier auf einer Ebene mit dem Persönlichen. Ich bin mir sicher, daß Kafka nur aus dem innersten Bedürfnis heraus schrieb, die persönlichen Krisen zu bekennen und durch das Bekenntnis zu lösen, was für ihn in seinem persönlichen Leben unlösbar war – vor allem die Beziehung zu seinem Vater und seine Unfähigkeit, eine bestimmte Grenze in seinem Verhältnis zu Frauen zu überschreiten. In meinem Essay über Kafka zeige ich auf, daß die mörderische Maschine in seiner Kurzgeschichte "In der Strafkolonie" ein wunderbares, leidenschaftliches und verzweifeltes Bild des Verheiratetseins oder Verlobtseins darstellt. Mehrere Jahre nach der Niederschrift dieser Geschichte gestand er Milena Jesenska, was er von einem gemeinsamen Leben hielt: "Weißt Du wenn ich so etwas hinschreiben will wie das folgende (über unsere Verlobung), nähern sich schon die Schwerter, deren Spitzen im Kranz mich umgeben, langsam dem Körper, es ist die vollkommenste Folter; wenn sie mich zu ritzen anfangen, ich rede nicht vom einschneiden, wenn sie mich also nur zu ritzen anfangen ist es schon so schrecklich daß ich sofort, im ersten Schrei, alles verrate, Dich, mich, alles."
Kafkas Metaphern waren so mächtig, daß sie weit über die ursprünglichen Intentionen hinausgingen. Ich weiß, man sagt dem Prozeß und auch der "Strafkolonie" nach, sie seien geniale Prophezeiungen jenes entsetzlichen Schicksals, das das jüdische Volk in dem fünfzehn Jahre nach Kafkas Tod ausbrechenden Zweiten Weltkrieg erwartete. Doch dabei handelt es sich nicht um die Prophezeiung eines Genies. Diese Werke beweisen nur, daß ein schöpferischer Geist, der seine persönlichsten, tiefsten Erfahrungen wahrhaftig widerzuspiegeln weiß, über das Persönliche hinausreichende, gesellschaftliche Sphären streift. Damit kommen wir noch einmal zur Frage nach dem politischen Inhalt von Literatur. Literatur muß keine politischen Realitätsbrocken zusammenscharren und muß sich auch nicht um das Kommen und Gehen irgendwelcher Systeme kümmern; sie kann darüber hinausgehen und dennoch die Fragen beantworten, die das jeweilige System in den Menschen weckt. Das ist die wichtigste Einsicht, die ich von Kafka gelernt habe.
Roth: Ivan, du wurdest als Jude geboren und hast deshalb einen Teil deiner Kindheit in einem Konzentrationslager verbracht. Glaubst du, daß diese Erfahrung deine Arbeit geprägt oder dein Los als Schriftsteller unter den Kommunisten in nennenswerter Weise beeinflußt hat? Ohne das Judentum als allgegenwärtige kulturelle Präsenz – ohne jüdische Leser, jüdische Autoren, jüdische Journalisten, Stückeschreiber, Verleger und Kritiker – wäre Mitteleuropa im Jahrzehnt vor dem Krieg undenkbar gewesen. Seit nun in diesem Teil Europas wieder ein literarisches Leben in einer intellektuellen Atmosphäre geführt werden kann, die Erinnerungen an die Vorkriegszeit aufkommen läßt, frage ich mich, ob – vielleicht sogar zum erstenmal – das Fehlen der Juden sich auf diese Gesellschaft auswirken wird. Gibt es in der tschechischen Literatur noch Überreste jener jüdischen Kultur aus Vorkriegszeiten? Oder haben Mentalität und Sensibilität der Juden, die in Prag einst so wirksam waren, die tschechische Literatur auf immer verlassen?
Klíma: Wer als Kind im Konzentrationslager war – wer völlig von einer äußeren Macht abhängig war, die sich jederzeit bemerkbar machen und ihn und alle um ihn herum schlagen oder töten konnte –, geht vermutlich ein kleines bißchen anders durch das Leben als Leute, denen eine solche Erfahrung erspart geblieben ist. Wie eine Schnur läßt sich das Leben durchtrennen – so lautete für mich als Kind die tägliche Lektion. Und die Auswirkung auf mein Schreiben? Eine leidenschaftliche Beschäftigung mit dem Thema Gerechtigkeit, mit den Gefühlen von Menschen, die verdammt und ausgestoßen wurden, mit den Einsamen und Hilflosen. Daraus erwachsende Themen haben dank des Schicksals meines Landes nichts an Aktualität eingebüßt. Und die Auswirkung auf mein Leben? Unter Freunden bin ich als Optimist bekannt. Wer wiederholt zum Tode verurteilt wurde und überlebte, leidet entweder sein Leben lang an Paranoia oder an der durch die Vernunft keineswegs bestätigten Gewißheit, daß man alles überleben kann und daß sich letzten Endes alles zum Guten wendet.
Was nun den Einfluß des Judentums auf unsere gegenwärtige Kultur angeht – wenn wir zurückschauen, neigen wir dazu, die kulturelle Wirklichkeit auf ähnliche Weise zu idealisieren, wie wir unsere eigene Kindheit im Rückblick verklären. Denke ich an meine Geburtsstadt Prag, sagen wir, an die Zeit zu Beginn dieses Jahrhunderts, dann erstaunt mich die wunderbare Vermengung der Kulturen und Bräuche durch die vielen großen Menschen dieser Stadt: Kafka, Rilke, Hašek, Werfel, Einstein, Dvorák, Max Brod... Doch gab es in der Vergangenheit der Stadt Prag, die ich hier nur stellvertretend für ganz Mitteleuropa nenne, nicht bloß einen kulturellen Aufschwung und eine verblüffende Anzahl großer Talente, sondern auch eine Zeit des Hasses, der wütenden, kleinkarierten und oft blutigen Auseinandersetzungen.
Wenn wir von dem überwältigenden Aufschwung jüdischer Kultur reden, der in Prag wohl deutlicher als irgendwo sonst stattgefunden hat, dürfen wir nicht vergessen, daß es hier niemals lange dauerte, bis es zu irgendwelchen antisemitischen Ausschreitungen kam. Für die meisten Menschen waren die Juden ein fremdes Element, das sie mindestens zu isolieren suchten. Die jüdische Kultur hat die tschechische Kultur ohne Zweifel bereichert, allein schon dadurch, daß sie – wie die deutsche Kultur, die in Böhmen ebenfalls ziemlich einflußreich war (in Böhmen wurde jüdische Literatur meist auf deutsch geschrieben) – für die entstehende tschechische Kultur, deren Entwicklung zweihundert Jahre unterdrückt worden war, zur Brücke ins westliche Europa wurde.
Was von dieser Vergangenheit überlebt hat? Dem Anschein nach gar nichts, doch bin ich mir sicher, daß die Geschichte damit noch nicht zu Ende ist. Die gegenwärtige Sehnsucht, unsere nihilistische Vergangenheit mit Toleranz überwinden zu wollen, die Sehnsucht, sich unverdorbenen Quellen zuwenden zu wollen – ist das nicht eine Antwort auf die fast vergessenen Warnungen, die jene Toten, gerade auch die Ermordeten, uns, den Lebenden, zurufen?
Dieser Auszug ist aus "Shop Talk"
Philip Roth: Shop Talk
Philip Roth in Gesprächen mit Schriftstellerkollegen. Intime intellektuelle Begegnungen, in denen es um den Stellenwert von Land, Politik und Geschichte in den einzelnen Werken der Dichter geht, aber auch darum, wie die höchst individuelle Kunst eines Schriftstellers durch die allgemeinen Lebensbedingungen geprägt wird.


