Gespräche mit Kollegen

 

Auszüge aus "Shop Talk"


Aus dem Amerikanischen von Bernhard Robben.
Auszug aus einem Gespräch mit Edna O’Brien 1984 in London

Die irische schriftstellerin Edna O’Brien, die schon seit vielen Jahren in London wohnt, zog kürzlich an einen breiten Boulevard mit imposanten Fassaden, eine Straße, die während ihrer Entstehungszeit um 1870, so erzählt mir Edna O’Brien, dafür bekannt war, daß hier die Geliebten und die ausgehaltenen Frauen lebten. Die Makler tendieren dazu, diesen Teil Maida Vales das "Belgravia von morgen" zu nennen, doch sieht es wegen der vielen Renovierungsarbeiten im Augenblick ein wenig wie auf einer Baustelle aus.
O’Brien arbeitet in einem stillen Zimmer mit Blick auf den grünen Rasen eines riesigen, hinter dem Haus gelegenen Gartens, der vermutlich um ein Vielfaches größer als das Bauerndorf in der Grafschaft Clare ist, in dem sie als Kind zur Messe ging. Im Zimmer steht ein Tisch, ein Klavier, ein Sofa, auf dem Boden liegt ein rosenroter Perserteppich, in der Farbe ein wenig dunkler als das schwach marmorierte Rosa der Wände, und die Terrassentür öffnet sich zum Garten, in dem genügend Platanen wachsen, um damit einen kleinen Park zu bestücken. Auf dem Kaminsims stehen Fotografien der beiden erwachsenen Söhne aus einer frühen Ehe – "Ich wohne hier mehr oder weniger allein" – und das berühmte, verträumte Profilbild einer sehr jungen Virginia Woolf, der Titelheldin von O’Briens Virginia: ein Theaterstück. Auf dem Tisch, der so ausgerichtet ist, daß man von ihm aus den Kirchturm am anderen Gartenende sehen kann, liegt ein Band der Gesammelten Werke von J.M. Synge, aufgeschlagen bei The Aran Islands; auf dem Sofa liegt ein Band der Briefe Flauberts, eine Mitteilung an George Sand ist aufgeblättert. Während O’Brien auf mich wartete, hatte sie sich darangemacht, fünfzehnhundert Exemplare einer Sonderausgabe ausgewählter Geschichten zu signieren, wobei sie einer Aufnahme von mitreißenden Chören aus Verdi-Opern lauschte, die ihr die Arbeit ein wenig erleichtern sollten.
Da sie für das Interview gänzlich schwarz gekleidet ist, lassen sich die weiße Haut, die grünen Augen und das rostrote Haar nicht übersehen, Farben, die – ebenso wie ihre wohlklingende Sprachgewandtheit – auf fast klischeehafte Weise verraten, daß sie Irin ist.

Roth: In Malone stirbt schreibt Ihr Landsmann Samuel Beckett: "Laßt mich zunächst sagen, daß ich niemandem verzeihe. Ich wünsche allen ein grausames Leben und dann die Flammen und das Eis der Höllen und bei den widerlichen Generationen der Zukunft ein ehrendes Andenken." Dieses Zitat wird Ihrem Erinnerungsband Mein Irland vorangestellt, den Sie 1976 veröffentlicht haben. Wollten Sie mit diesem Motto andeuten, daß Ihre eigenen Aussagen über Irland von solcherlei Ansichten nicht gänzlich unberührt geblieben sind? Ehrlich gesagt, scheint mir Ihrem Werk eine solche Härte fremd zu sein.

O’Brien: Ich entschied mich für dieses Zitat, weil ich vielen Dingen in meinem Leben unversöhnlich gegenüberstehe, damals ganz besonders, und ich entschied mich für jemanden, der es eloquenter und wütender zum Ausdruck gebracht hatte, als ich es jemals sagen könnte.

Roth: Dabei argumentiert Ihr Werk gegen Ihre Unversöhnlichkeit.

O’Brien: Bis zu einem gewissen Maße ist das richtig, doch nur, da ich ein widersprüchliches Geschöpf bin. Wenn ich jemanden geißele, ist mir anschließend, als müßte ich beschwichtigen. Das passiert mir immer wieder in meinem Leben. Ich kann ebensowenig von Natur aus hemmungslos hassen wie ich von Natur aus hemmungslos und unentwegt lieben kann, was nur heißt, daß ich mit mir und anderen oft im Widerspruch stehe!

Roth: Und wer ist nun dieser Jemand in Ihrer Phantasie, mit dem Sie sich nie versöhnen konnten?

O’Brien: Bis zu seinem Tod – er starb vor einem Jahr – war das mein Vater. Doch durch sein Sterben kam es in mir zu einer Metamorphose. Seither habe ich ein Stück über ihn geschrieben, das all seine Eigenheiten benennt – seine Wut, seine Sexualität, seine Habgier und so weiter –, und mein Gefühl ihm gegenüber hat sich geändert. Ich will mein Leben mit ihm nicht noch einmal durchleben und möchte auch nicht als dieselbe Tochter wiedergeboren werden, aber ich verzeihe ihm. Mit meiner Mutter ist das etwas anderes. Ich habe sie geliebt, zu sehr geliebt, doch hat sie mir ein anderes Erbe hinterlassen, ein allumfassendes Schuldgefühl. Ich meine sie immer noch in meinem Rücken zu spüren, ihre Kritik zu hören.

Roth:
Sie, eine Frau mit Erfahrung, reden davon, Ihrer Mutter und Ihrem Vater zu verzeihen. Meinen Sie nicht, es hat weitgehend mit Ihrem Dasein als Schriftstellerin zu tun, daß Sie sich immer noch mit diesen Problemen herumschlagen? Wären Sie keine Schriftstellerin, sondern Anwältin oder Ärztin, würden Sie an diese Leute vielleicht nicht mehr soviel denken.

O’Brien: Völlig richtig, das ist der Preis des Schreibens. Die Vergangenheit läßt einen nicht los – die Schmerzen, Empfindungen, Ablehnungen, das alles. Ich glaube jedoch, daß dieses Festhalten an der Vergangenheit einem zwar hoffnungslosen, doch unermüdlichen Bestreben entspringt, sie neu erfinden zu wollen, um sie ändern zu können. Ärzte, Anwälte sind wie so viele gestandene Bürger frei von derlei beharrlichen Erinnerungen. Auf ihre Weise mögen sie zwar ebenso verstört sein wie Sie oder ich, nur wissen sie es nicht. Sie bohren nicht nach.

Roth: Doch nicht alle Schriftsteller beschäftigen sich so ausgiebig mit ihrer Kindheit wie Sie.

O’Brien:
Ich bin besessen, und ich bin auch unermüdlich. Außerdem ist man nie so lebendig und sich seiner selbst so bewußt wie in der Kindheit; diese gesteigerte Bewußtheit versucht man einzufangen.

Roth: Wenn Sie nicht als Tochter oder Frau, sondern als Schriftstellerin antworteten, würden Sie dann Ihre Herkunft für ein Glück halten – geboren in einem abgelegenen Landstrich Irlands, aufgewachsen auf einer einsamen Farm unter der Fuchtel eines gewalttätigen Vaters, von Nonnen hinter dem verriegelten Tor eines Provinzklosters erzogen? Wieviel oder wie wenig verdanken Sie als Schriftstellerin der primitiven ländlichen Welt, die Sie so oft in den Geschichten über das Irland Ihrer Kindheit beschreiben?

O’Brien: Das läßt sich nicht genau sagen. Wäre ich in Brooklyn aufgewachsen – wo meine Eltern zu Beginn ihrer Ehe lebten – oder in den Steppen Rußlands, hätte ich es mit anderem Material zu tun, doch wäre meine Art der Wahrnehmung möglicherweise gleich geblieben. Wie es der Zufall wollte, wuchs ich in einem Land auf, das atemberaubend schön war und immer noch ist, weshalb mir ein Gefühl für die Natur, für die Vegetation, für den Ackerboden gleichsam in die Wiege gelegt wurde. Zudem hatten wir daheim nichts mit Kultur oder Literatur zu schaffen, so daß mein Wunsch, schreiben zu wollen, spontan und ganz aus sich heraus entstand. Die einzigen Bücher in unserem Haus waren Gebetbücher, Kochbücher und Kladden über den Viehbestand. Ich war in die Welt um mich herum eingeweiht, kannte jedermanns kleine Geschichte, den Stoff, aus dem Erzählungen und Romane sind. Für mich persönlich war es zwar ziemlich hart, doch wirkten alle diese Dinge zusammen, um mich zu der zu machen, die ich bin.

Roth: Überrascht es Sie nicht, daß Sie den einsamen Bauernhof, den brutalen Vater und das Provinzkloster überstanden haben, ohne jene Freiheit des Geistes zu verlieren, die das Schreiben erst möglich macht?

O’Brien: Ich wundere mich über meine eigene Beharrlichkeit, ja, aber ich glaube nicht, daß ich ohne Narben davonkam. Schwimmen oder ein Auto zu fahren, so etwas übersteigt meine Fähigkeiten. In vielerlei Hinsicht komme ich mir wie ein Krüppel vor. Der Körper war heilig wie ein Tabernakel, und alles barg die Möglichkeit zur Sünde. Es ist schon merkwürdig – so merkwürdig nun auch wieder nicht –, aber der Körper spiegelt die Lebensgeschichte ebenso deutlich wie das Hirn. Mich tröstet nur der Gedanke, daß ein Teil zwar vernichtet sein mag, ein anderer aber dafür gedeiht.

Roth: War Ihre Kindheit frei von Geldsorgen?

O’Brien:
Nein – doch es hat auch andere Zeiten gegeben! Mein Vater hegte eine Vorliebe für Pferde und den Müßiggang. Er erbte eine Menge Land und ein schönes Feldsteinhaus, doch lebte er verschwenderisch, und der Besitz wurde auf ganz typisch irische Art verpraßt und verschenkt. Verwandte aus Amerika brachten Kleider mit, und ich habe von meiner Mutter ein kindliches Vergnügen an diesen Dingen geerbt. Nichts war so aufregend wie diese Besuche, dieser Talmi und Tand, diese Lockrufe einer anderen, einer kosmopolitischen Welt, einer Welt, die ich sehnlichst zu betreten wünschte.

Roth: Besonders in den Geschichten über das ländliche Irland der Kriegszeit fallen mir der Reichtum und die Genauigkeit Ihres Gedächtnisses auf. An sämtliche Dinge aus Ihrer Kindheit, auf die jemals Ihr Auge fiel, scheinen Sie sich erinnern zu können – an deren Kontur, Beschaffenheit, Farbe und Ausmaße, um von der menschlichen Bedeutung all dessen ganz zu schweigen, was Sie sahen, hörten, rochen, schmeckten und berührten. Resultat ist eine Prosa wie ein feines Maschendrahtgeflecht, ein Netz aus Details, mit dem Sie alle Sehnsucht, jeden Schmerz und jede Reue einfangen, die Ihre Literatur durchzieht. Was ich fragen will, ist folgendes: Wie erklären Sie sich diese Fähigkeit, mit solch leidenschaftlicher Exaktheit eine irische Welt rekonstruieren zu können, in der Sie selbst seit Jahrzehnten eigentlich nicht mehr leben? Wie hält Ihr Gedächtnis diese Welt lebendig? Und warum läßt Sie diese verschwundene Welt nicht in Ruhe?

O’Brien:
In manchen Momenten zieht es mich dorthin zurück, so daß die Gegenwart und die alltägliche Welt verblassen. Eine solche Rückschau – oder wie immer man es nennen will – überkommt mich einfach. Ich kann sie nicht herbeiführen; es passiert einfach, und ich bin ihm ausgeliefert. Meine Hand verrichtet die Arbeit, und ich brauche nicht nachzudenken; im Gegenteil, würde ich nachdenken, so störte das nur den freien Fluß. Es ist, als platzte plötzlich ein Damm im Hirn.

Roth: Fahren Sie nach Irland, um solche Erinnerungen auszulösen?

O’Brien: Wenn ich nach Irland fahre, hoffe ich insgeheim immer, daß ein Funke von jener verborgenen Welt überspringt, von den verborgenen Geschichten, die nur darauf warten, zutage zu treten, aber so funktioniert das nicht! Wie Sie wissen, geschieht es auf weit verschlungeneren Wegen, durch Träume, durch Zufälle und in meinem Fall auch durch den Aufruhr der Gefühle, den eine Liebesaffäre und ihr Nachspiel auslösen.

Roth: Ich frage mich, ob Sie Ihre Lebensweise – Sie wohnen allein – nicht gewählt haben, um allzu mächtige Gefühle, die Sie von dieser Vergangenheit trennen könnten, gar nicht erst aufkommen zu lassen.

O’Brien: Ganz bestimmt. Ich schimpfe über meine Einsamkeit, dabei ist sie mir so lieb wie der Gedanke, mich mit einem Mann zu vereinen. Ich habe oft erklärt, daß ich mein Leben gern in Phasen der Buße, der Ausgelassenheit und der Arbeit einteilen würde, doch vertrüge sich das, wie Sie selbst sehen, nicht so recht mit einem konventionellen Eheleben.

Roth:
Die meisten der mir bekannten amerikanischen Schriftsteller fänden die Vorstellung ziemlich beunruhigend, fern von jenem Land leben zu müssen, das ihnen ihre Themen liefert, aber auch Quell ihrer Sprache und Obsessionen ist. Viele osteuropäische Autoren, die ich kenne, bleiben hinter dem Eisernen Vorhang, da sie als Schriftsteller das Elend in einem totalitären Regime dem Exil vorziehen. Falls aber je etwas für den Verbleib eines Schriftstellers in Hörweite der altvertrauten Umgebung sprach, dann sind es jene beiden Amerikaner, die gemeinsam in meinen Augen das Rückgrat der Literatur des zwanzigsten Jahrhunderts in meinem Land bilden: Faulkner, der sich nach kurzem Auslandsaufenthalt wieder in Mississippi niederließ, und Bellow, der nach seinen Wanderjahren nach Chicago zurückkehrte, um dort zu leben und zu lehren. Nun wissen wir alle, daß weder Beckett noch Joyce ein Standbein in Irland wollten oder brauchten, sobald sie einmal begonnen hatten, mit ihrem irischen Talent zu experimentieren, aber glauben Sie nicht manchmal, einen Preis dafür bezahlt zu haben, daß Sie Irland als sehr junge Frau verließen, um nach London zu gehen und dort Ihr Leben zu gestalten? Gibt es kein anderes Irland als das Irland Ihrer Jugend, das Ihnen hätte dienlich sein können?

O’Brien:
Sich an einem bestimmten Ort zu etablieren und ihn als Schauplatz seiner Werke zu nutzen, gibt dem Autor Kraft und dient dem Leser zugleich als Hinweis. Man muß jedoch das Land verlassen, wenn man die Wurzeln zu bedrohlich findet, zu hinderlich. Joyce behauptete, Irland sei die Sau, die ihre Ferkel fresse. Damit bezog er sich auf Irlands Haltung zu seinen Schriftstellern – es zerfleischt sie. So ist es kein Zufall, daß unsere beiden größten Geistesheroen, er selbst und Mister Beckett, das Land verlassen haben und fortgeblieben sind, ohne allerdings je ihr spezifisch irisches Selbstverständnis zu verlieren. Was mich angeht, so glaube ich nicht, daß ich geschrieben hätte, wenn ich geblieben wäre. Ich fürchte, ich wäre beobachtet worden, wäre verurteilt worden (noch heftiger!) und hätte jenes unschätzbare Gut namens Freiheit verloren. Schriftsteller sind immer auf der Flucht, und ich bin vor vielen Dingen geflohen. Stimmt, ich habe mich enteignet, und ich bin überzeugt, daß ich dadurch etwas verloren habe, daß ich die Kontinuität verlor, den tagtäglichen Kontakt mit der Realität. Doch anders als die osteuropäischen Schriftsteller hatte ich stets den Vorteil, jederzeit zurückkehren zu können. Für sie muß es schrecklich sein, diese Endgültigkeit, die äußerste Verbannung, wie Seelen, die aus dem Himmel ausgesperrt wurden.

Roth: Werden Sie zurückkehren?

O’Brien:
Hin und wieder. Irland ist heute ein ganz anderes, viel weltlicheres Land, in dem ironischerweise sowohl die Liebe zur Literatur wie auch die Ablehnung der Literatur im Schwinden begriffen sind. Irland wird ebenso herzlos und materialistisch wie der Rest der Welt. Yeats Gedichtzeile – "Das romantische Irland ist tot und vergangen" – ist wahrhaft Wirklichkeit geworden.

Dieser Auszug ist aus "Shop Talk"

Philip Roth: Shop Talk
Philip Roth in Gesprächen mit Schriftstellerkollegen. Intime intellektuelle Begegnungen, in denen es um den Stellenwert von Land, Politik und Geschichte in den einzelnen Werken der Dichter geht, aber auch darum, wie die höchst individuelle Kunst eines Schriftstellers durch die allgemeinen Lebensbedingungen geprägt wird.